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VERERBUNG UND ERZIEHUNG HEREDITY AND UP-BRINGING
Wie Eltern ihre Kinder prägen How Parents Influence their Children
Von Susanne Paulsen By Susanne Paulsen
Obwohl ein Kind das Erbgut von Vater und Mutter in sich trägt und mit ihnen aufwächst, stellen Eltern keinesfalls ein unentrinnbares Erbe dar. Stattdessen haben Kinder selbst einen großen Einfluss darauf, was aus ihnen wird. Although children bear the genetic make-up of their mother and father, and are brought up by them, in no way do parents impose an inescapable legacy. On the contrary, children themselves have great influence over what they will become.
Am Morgen des 22. November 1963 entschied sich John F. Kennedy, für die Fahrt durch Dallas auf das kugelsichere Dach auf seinem Lincoln Continental zu verzichten. Er hatte Warnungen erhalten, doch er schlug sie in den Wind. In der Stadt jubelten Tausende Texaner ihrem Präsidenten zu. Kurz nach halb eins feuerte ein Attentäter drei Schüsse ab, und John F. Kennedy starb. Viereinhalb Jahre später fiel auch sein Bruder Robert einem Attentat zum Opfer. Er war damals Senator und stand kurz vor der Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Der Kennedy-Mythos war geboren: ein Clan, der am offenen Grab lebt, der selten im Bett stirbt. On the morning of November 22nd, 1963, John F. Kennedy decided to forego the use of the bulletproof roof on his Lincoln Continental during his tour through Dallas. He had been warned against it, but he threw caution to the wind. Thousands of Texans celebrated the arrival of their president. Shortly after 12:30, an assassin fired three shots, and the president was dead. Four-and-a-half years later, his brother, Robert, also fell victim to assassination. At the time, he was a senator and was about to be nominated as the democratic candidate for president. The Kennedy myth was born: a clan living on the edge of an open grave, whose members seldom die in their sleep.
Bis heute beobachtet die Welt die Kennedys. Sie tratscht. Spekuliert. Registriert Mordopfer, Unfalltote, Drogentote, Alkoholexzesse. Sie gruselte sich, als Michael Kennedy 1997 eine steile Skipiste hinunterraste, gegen einen Baum prallte und starb. Sie schauderte, als John F. Kennedy junior sich 1999, nach wenigen Flugstunden, eine "Piper Saratoga" kaufte und nachts übers Meer in den Tod flog. Das Heft mit dem Thema "Partnerschaft und Familie - was im Leben wirklich zählt" enthält Beiträge wie "Alleinerziehende: Ohne Netz und doppelten Boden" und "Sexualität: Wenn die Hormone verrückt spielen". Viele Menschen glauben, dass bei den Kennedys zwei unheilvolle Neigungen die Generationen durchziehen: die Tendenz, sich unbesiegbar zu fühlen, und der Drang zum Risiko. So gesehen wäre "Familie" etwas Mächtiges, Unausweichliches. Eine Prägeanstalt, die all ihren Angehörigen ein und dasselbe Muster aufdrückt, in immer neuen Varianten. Aber heißt, einer Familie anzugehören, tatsächlich, deren Schicksal zu tragen? Und offenbar zwanghaft so handeln zu müssen wie die Vorfahren? Wie könnten uns solche familiären Einflüsse überhaupt erreichen? Nur durch Vererbung oder auch durch Erziehung? Still today, the world watches the Kennedys. We gossip, speculate, and take note of murder victims, accidental and drug-related deaths, and alcohol abuse. We were horrified in 1997 when Michael Kennedy sped down a narrow ski slope, crashed into a tree, and died. We shuddered in 1999 when, after only a few hours of flight training, John F. Kennedy Jr. bought himself a Piper Saratoga and flew over the sea one night to his death. Many people believe that the Kennedy family's two disastrous inclinations carry through the generations: both the tendency to see themselves as invincible, and the urge to take risks. Viewed in this way, "family" becomes something powerful, something inescapable. A press that prints all of its members using the same pattern, but with ever changing variations. But does belonging to a family necessarily mean one is doomed to that family's fate? Is one compelled to behave like one's predecessors? How do we acquire such familial traits? Is it just heredity, or does upbringing also play a role?
Die Macht der Familie The Power of Family
Zu John F. Kennedys Zeiten und auch noch zehn, 20 Jahre später waren sich die Forscher mehrheitlich einig: Äußerlichkeiten werden vererbt. Nasenform. Augenfarbe. Beinlänge. Dazu vielleicht noch gewisse Fähigkeiten und Talente. Entscheidend für die Formung des Charakters und der Persönlichkeit jedoch sei die Erziehungs- und Vorbildfunktion der Eltern. Deren Verhalten - besonders in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes - lege die Grundlagen dafür, wie jemand als Erwachsener fühle, denke und handle. Was immer geschehe im Leben eines Menschen - ein großer Teil der Verantwortung wurde dem Vater und vor allem der Mutter zugeschrieben. Sie galten als "Weichensteller". Als allmächtige Riesen, die ihre Nachkommen zurechtkneten, als wären diese aus Ton. During John F. Kennedy's time, and even 10, 20 years later, the majority of researchers agreed that appearance was genetic-the shape of the nose, eye color, leg length. Add to that certain talents and abilities. The molding of character and personality was dependent upon how parents function as role models and care givers. Researchers have said that how parents behave, especially in the first three years of a child's life, sets the foundation for how the child will feel, think and act as an adult. Whatever might happen in a person's life-the greatest responsibility was ascribed to the father and mother, particularly the mother. They were regarded as the people who ultimately decide what track their children will take-they were the all-mighty giants, who shape their offspring as if from clay.
Die Unbewusste Beeinflussung Unconscious Influence
In den Sechzigerjahren war der Glaube an die große Macht der Umwelteinflüsse in der Gesellschaft fest verankert. Allerdings nahmen die Fachleute nun an, ein Teil der Beeinflussung erfolge unbewusst. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhardt Richter schrieb in seinem Klassiker "Eltern, Kind und Neurose", dass Depressionen und Zwangskrankheiten der Nachkommen in familiären Kommunikationsmustern wurzelten. Zahlreiche Leser fand 20 Jahre später auch Alice Millers "Drama des begabten Kindes". Die These der Schweizer Psychoanalytikerin: Viele Mütter ertragen es nicht, wenn ihr Kind eifersüchtig, neidisch oder zornig ist. Die Kinder stellen sich darauf ein, unterdrücken die unerwünschten Gefühle und entwickeln ein "falsches Selbst". Andere Forscher glaubten sogar, dass ein kaltes, intellektuelles Familienklima schwere Behinderungen wie Autismus zur Folge haben könne. Für Familienclans wie die Kennedys hätte das bedeutet: Die Eltern haben ihren Kindern den Hang zum Risiko beigebracht. Die einflussreichen Autoren jener Zeit haben verborgene Dynamiken des Familienlebens detailliert beschrieben. Bis heute nutzen Therapeuten Konzepte, die damals entwickelt wurden. Allerdings sehen die meisten das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern nicht mehr als Einbahnstraße. Inzwischen haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass Kinder längst nicht so leicht formbar sind, wie man einst glaubte. Unter normalen Bedingungen haben sie vielmehr großen Einfluss darauf, was sie prägt und was nicht. In the 1960s, society at large firmly believed in the great power of environmental influence. However, specialists accepted that this influence was in part unconscious. The psychoanalyst Horst-Eberhart Richter wrote in his classic book, Eltern, Kind und Neurose, that depression and obsessive-compulsive disorders in children were rooted in patterns of communication within the family. Twenty years later, numerous readers discovered Alice Miller's Drama des begabten Kind. This Swiss psychoanalyst's thesis was: Many mothers will not put up with their child being jealous, envious or angry. Children adjust to this by suppressing these unacceptable feelings and creating an "alternate self." Other researchers even believed that a cold, intellectual family environment could result in severe disabilities, such as autism. For families like the Kennedys, that would have meant that the parents caused their children's propensity for risk taking. The influential authors of that time wrote in detail about the hidden dynamics of family life. Even today, therapists still use concepts that were developed during this time, but most of them no longer see the relationship between parents and children as one-way street. Meanwhile, numerous studies have shown that children are not as easily influenced as originally thought, but rather, under normal conditions, they have influence over what impresses them, and what doesn't.
Die Rolle der Erbanlagen The Role of Heredity
"Von der Zeugung an spielt der Mensch eine aktive Rolle für seine Entwicklung", fasst der Berliner Persönlichkeitsforscher Jens Asendorpf das Credo der modernen Entwicklungspsychologie zusammen. Wie ein Mensch sich im Laufe seines Lebens wandele, lasse sich durch einfaches Ursache-Wirkungs-Denken (etwa: "Die autoritäre Erziehung hat ihn aggressiv gemacht") nicht angemessen beschreiben. Wie jemand ist und wie er wird, so Asendorpf, sei vielmehr das Resultat komplexer Wechselwirkungen mit der Umwelt. Dabei spielen auch die Erbanlagen eine wichtige Rolle. Sie bestimmen mit, in welche Richtung sich ein Mensch zu entfalten vermag und wie er auf Einflüsse von außen reagiert. Die Gene beeinflussen unter anderem das Temperament eines Menschen, seinen Umgang mit Stress und seine Intelligenz, und ob er eher konservativ oder Neuem gegenüber aufgeschlossen, ordentlich oder unordentlich ist. Sie sind jedoch keineswegs - wie es der britische Zoologe und Wissenschaftsautor Matt Ridley ausdrückt - "Bulldozer, die alles niederwalzen, was ihnen im Wege steht": Ein Gen erhöht nur die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens, verglichen mit einer anderen Version dieses Gens. Letztlich sind unsere schätzungsweise 30.000 Gene auch ein familiärer Einfluss. Allerdings unterliegt dieser, anders als die Erziehung, nicht der elterlichen Steuerung, sondern ist dem Zufall ausgesetzt. Wenn die Keimzellen von Frau und Mann verschmelzen und ein Kind entsteht, liegt jedes Gen in allen entstehenden Körperzellen doppelt vor, von väterlicher und von mütterlicher Seite. Sich aber vorzustellen, ein Mensch sei halb Vater, halb Mutter, ist viel zu simpel gedacht. Zum Beispiel kann innerhalb eines Gen-Paares die Erbinformation eines Elternteiles ganz unterdrückt sein oder dominieren. Es ist auch möglich, dass sich die Gene eines Paares in ihrer Wirkung wechselseitig verstärken oder abschwächen. Zusätzlich können sie mit anderswo im Erbgut gelegenen Genen zusammenwirken und deren Effekte verändern. Es ist möglich, dass bei einem Kind genetisch beeinflusste Verhaltensweisen von früheren Vorfahren wieder auftauchen, die in nachfolgenden Generationen nicht aufgetreten sind. Und es können auch ganz neue Eigenschaften auftreten, die in keiner der beiden Herkunftsfamilien vorhanden waren. Jens Asendorpf, a personality researcher from Berlin, summarizes the credo of child psychology as follows: "From conception on, a person plays an active role in his own development." How one develops during the course of his life can not be accurately explained through simple cause-and-effect thinking, for example, "his is authoritarian upbringing made him aggressive." Rather, who a person is, and what a person becomes, according to Asendorpf, is a result of complex interactions with his environment. At the same time, heredity does play an important role. It plays a role in determining in which direction a person develops and how he will react to outside influences. Among other things, genes play a role in determining what kind of temperament a person will have, how he handles stress, his intelligence, and whether or not he will be more likely to be conservative or open-minded, orderly or disorderly. However, genes are in no way-as the British zoologist science writer, Matt Ridley, expresses it-"bulldozers that crush everything that stands in their way." A gene simply increases the likelihood of a particular behavior in comparison to another version of that same gene. Lastly, our approximately 30,000 genes are also a familial influence. However, unlike upbringing, they are subject not to parental control, but are determined randomly. When the male and female reproductive cells merge, and a child is conceived, every gene in every developing cell consists of two parts: the mother's side, and the father's side. But to say a person consists of one part mother, one part father is an over simplification. For example, the genetic information within a parent's gene pair can be dominant or recessive. It is also possible that the effect of a couple's genes to alternately strengthen or weaken. In addition, they can combine with genes found elsewhere in the genetic make-up, changing their effect. It is possible for a child's behavior to be influenced by genes from earlier generations that haven't appeared in succeeding generations. And it is also possible for entirely new characteristics to appear that have previously not been seen on either side of the family.